"Der Begriff Holon wurde von Arthur Koestler geprägt und bedeutet ein Ganzes, das Teil eines anderen Ganzen ist. Es wird auch als "Ganzes/Teil" umschrieben." (wikipedia)

"Der Ausdruck Subjekt-Objekt-Spaltung wurde von Karl Jaspers geprägt und bezieht sich auf eine erkenntnistheoretische Grundstruktur, die damit gegeben ist, dass unser Bewusstsein sich auf Gegenstände bezieht. Zwischen Erkenntnisgegenstand (Objekt) und Erkennendem (Subjekt) bestehe nach Jaspers stets eine unaufhebbare Differenz. Dies gelte auch für den Fall, dass das Ich sich selbst reflektiert, also für gegenständliches Selbstbewusstsein." (auch wikipedia)

Es war an einem Montagabend auf dem Klönschnack nach einem Piratenstammtisch als das Gespräch auf Jean Gebser kam und seine Darstellung der Evolution des Bewusstseins: archaisch --> magisch --> mythisch --> mental-rational --> integral. Die mental-rationale Stufe haben wir heute, und das integrale Bewusstsein, "das ist dann das Netz". Das Netz als Weg zu einer höheren Bewusstseinsstufe der Menschheit. So sind sie, die Piraten. Immer ganz weit vorne. ;-)

Gebsers Hauptwerk "Ursprung und Gegenwart" entstand in den 40er Jahren. Jemand aus der Runde sagte dann, dass er aktuellere Literatur bevorzuge, woraufhin die Aussage kam "Dann musst Du Ken Wilber lesen: 'Eros, Kosmos, Logos'". Da ich das Thema spannend fand, habe ich später mal gegoggelt und mich dann aber u.a. aufgrund von Amazon-Kritiken entschieden, stattdessen das Buch zu lesen, das Ken Wilber direkt danach veröffentlich hatte: "Eine kurze Geschichte des Kosmos" (1996). Ich wollte einfach erstmal nur schnuppern.

Eigentlich ist der deutsche Titel eine Fehlübersetzung (im amerikanischen Original heißt es "A Brief History of Everything"), denn das Buch dreht sich um das, was Wilber "Kósmos" nennt und als "die Strukturiertheit oder Prozeßhaftigkeit aller Daseinsbereiche" (S. 39) beschreibt. Vom Kosmos (Universum) und der Biosphäre (Leben) bis zur Weltseele (Noosphäre) und dem "Bereich des Göttlichen (Theos).

Klingt ein bisschen esoterisch ("Weltseele") bis verblödet ("Bereich des Göttlichen"), aber Wilber erwähnt ausdrücklich, bewusst "mit großzügigen Orientierungs-Verallgemeinerungen arbeiten" (S. 38) zu wollen. Seine Kernaussage ist, dass "die Wirklichkeit weder aus Dingen noch aus Prozessen besteht" (S. 41) und meint deshalb, "daß wir 'Kósmologie, nicht Kosmologie betreiben sollten" (S. 40). Er lehnt sich dagegen, den Bereichen jenseits des Universums, ihre eigene Wirklichkeit abzusprechen. "Eine solche Haltung ist zutiefst reduktionistisch, weil sie die materielle, physische Welt privilegiert. Dann muß man alles andere, vom Leben über die Seele bis zum Geist, von subatomaren Teilchen herleiten, und dies kann niemals funktionieren." (S. 41) Stattdessen sei die Wirklichkeit aus Holons zusammengesetzt.

Eine weiterer Schwerpunkt des Buches ist Wilbers Auflehnung gegen die Subjekt-Objekt-Spaltung. "Das Nichtduale" ist sein großes Steckenpferd. "Bei der Erforschung des Zeugen und im Ruhen im Zeugen verschwindet auch noch die Empfindung, 'da drinnen' ein Zeuge zu sein, und es stellt sich heraus, daß der Zeuge identisch mit allem Bezeugten ist. An die Stelle des Kausalen tritt hier das Nichtduale, an die Stelle der formlosen Mystik die nichtduale Mystik. 'Form ist Leerheit und Leerheit ist Form.'" (S. 291).

Irgendwie klingt das noch verrückter als seine aus Holons bestehende kósmologische Wirklichkeit, aber es klingt zugleich auch nach fernöstlicher Weisheit. Und streng systematisch wiederum sind seine vier Merkmale eines Holons: "Die vier Quadranten sind das Innere und das Äußere des Individuellen und des Kollektivs" (S. 107). Äußerlich-Individuelles untersuche die Naturwissenschaft, Äußerlich-Soziales die Systemtheorie. Das Innerlich-Individuelle (Geist, Bewusstsein) und das Innerlich-Soziale (kollektive Weltsicht, Kultur) seien aber nicht empirisch zugänglich, sondern nur durch Kommunikation und Interpretation. Jedes Holon, auch wenn es z.B. innerlich-individuell verortet ist, wie das Bewusstsein, habe aber immer Aspekte in allen vier Quadranten -- beim Bewusstsein z.B. die Gehirnaktivität, ohne die es nicht existieren kann.

Umgekehrt haben auch materielle Holons wie ein (äußerlich-individueller) Stein einen innerlichen Aspekt, also u.a. ein Bewusstsein. "Je größer die Tiefe eines Holons ist, desto größer ist sein Bewußtseinsgrad" (S. 66). "Bewußtsein ist lediglich Tiefe 'von innen her' betrachtet (auch S. 66) -- wobei mit "Tiefe" die Einschließungsebene gemeint ist: "Die Physiosphäre ist also Teil der höheren Ganzheit der Biosphäre, die wiederum Teil der höheren Ganzheit der Noosphäre ist, aber nicht umgekehrt." (S. 57)

So weit so gut. Was halte ich selber nun von alledem? Ich konzentriere mich bei der Antwort darauf der Einfachheit halber mal nur auf das Beispiel des Begriffs Bewusstsein: Zusammengefasst habe ich drei Dinge dargestellt, die Wilber betont: Er ist erstens gegen ein reduktionistisches Weltbild, das alles aus der empirisch beobachtbaren Natur herleitet. Insbesondere das Bewusstsein sei nicht empirisch zugänglich, sondern als innerliches Holon ausschließlich durch Kommunikation und Interpretation -- habe aber dennoch einen materiellen Aspekt. Wilber ist zweitens außerdem gegen die Subjekt-Objekt-Spaltung, insbesondere "für den Fall, dass das Ich sich selbst reflektiert, also für gegenständliches Selbstbewusstsein" (siehe das zweite Wikipedia-Zitat am Anfang). Und drittens sieht Wilber überall Bewusstsein -- dies aber zunehmend mit dem holarchischen Transzendenzgrad, also nach Ausbaustufe hierarchisch angeordnet.

Wie ich mir Bewusstsein erkläre, habe ich schon vor drei Jahren in I think, therefore I am responsible. geschrieben. Im Prinzip folge ich in dem Punkt Douglas R. Hofstadter. Für Hofstadter sind Geist, Seele und Bewusstsein ein und dasselbe, nämlich selbstreferentielle Strukturen in den Gehirnaktivitäten. Genauer gesagt nicht die Menge dieser Strukturen an sich, sondern die *Sicht* dieser Strukturen auf sich selbst. Also quasi die Rückkopplung, die dadurch entsteht, dass die Gehirnaktivitäten durch sich selbst beeinflusst werden. Aber eben nicht der Blick *auf* diese Rückkopplung, sondern der Blick vom Inneren der Rückkopplung in sich selbst. Bewusstsein, Geist und Seele existieren also nicht losgelöst vom Gehirn, sind aber dennoch kein Bestandteil und auch keine Leistung desselben, sondern ein losgelöstes Wesensmerkmal einer selbstreferentiellen Struktur in dessen Aktivität. Das Bewusstsein ist somit "frei" von der Biochemie des Hirns, d.h. nicht darin verortet, kann aber dennoch ohne sie nicht existieren.

In seinem Buch "Gödel, Escher, Bach", hat Hofstadter in den Bildern von Escher, der Musik von Bach und der Mathematik von Gödel, sowie in zahlreichen weiteren Beispielen selbstreferentielle Strukturen gefunden und beschrieben, sowie berichtet, dass sich bei ihm höhere Bewusstseinszustände einstellen, wenn er sich auf diese Strukturen einlässt. In seinem knapp 30 Jahre später entstandenen Werk "Ich bin eine seltsame Schleife" ergänzt er noch, dass dies auch für die Seele von Menschen gelte. Wenn man sich auf einen Menschen einlässt, also nicht durch Beobachtung, sondern durch Kommunikation und Interpretation, dann entstehen selbstreferentielle Muster im eigenen Gehirn, die Aspekte der Seele jenes Menschen spiegeln. Facetten von Bewusstseinszuständen übertragen sich somit, und die Seele eines Menschen ist auf das gesamte Umfeld seines Wirkens verstreut und mit den Seelen anderer vermischt.

Für mich war und ist diese Auffassung von Bewusstsein esoterikfrei und nachvollziehbar. Allerdings hatte ich Gödel, Escher, Bach auch schon vor mittlerweile einem viertel Jahrhundert durchgearbeitet (weil mein Informatik-Professor gesagt hatte "Kommen Sie nicht in meine Vorlesung. Lesen Sie stattdessen dieses Buch." -- und weil es damals ohnehin jeder las) und außerdem danach im Kontext von Logik und Berechenbarkeit in der theoretischen Informatik ein Jahr lang selbstreferentielle Mathematik inkl. der Gödelsätze studiert. Das Ganze ist also die Ecke, aus der ich ursprünglich komme.

Umso überraschter war ich, dass ich diese Darstellung nun bei Wilber wiederfand. Was das Bewusstsein angeht, decken sich Wilbers oben genannte Aussagen in jedem Punkt mit denen von Hofstatter. Wilber übertreibt es ins Spirituelle ("Die menschliche Identität kann sich in der Tat so weit ausdehnen, daß sie das All einschließt.", S. 64), und Wilber wird auch eher von spirituellen Heilern zitiert und nicht wie Hofstadter von Informatikern. Aber wie sich die Seelen als verteilte Spuren des stufig ausgeprägten Bewusstseins von Menschen und anderen Dingen zu einer die Natur einschließenden, aber nicht aus ihr ableitbaren Weltseele zusammenfügen -- das haben beide gemeinsam.

Mein Fazit: Ken Wilber liest sich für mich über weite Strecken wie totaler Schwachsinn. Aber wenn man genau hinguckt, ist sehr sehr viel mehr dran, als man auf den ersten Blick denkt. Den mittleren Teil seines Buches über die "transpersonalen Stufen" der "Reiche des Überbewußten" habe ich mir trotzdem (noch) nicht angetan. Mir gefallen aber zumindest schon mal seine Holons. Irgendwann vielleicht interessiert mich mehr...