Facebook, die allertollste Sache der Welt überhaupt, schlägt mir vor, die "Bremer Suppenengel" als Freund hinzuzufügen, mit denen ich doch bereits 5 gemeinsame Freunde habe! Einer der auf deren Fratzenbuch-Seite beworbenen Links titelt denn auch "Bremer Frau des Jahres ist ein Suppenengel". Wow, müssen das tolle Leute sein. Engel, Frauen dabei und des Jahres auch noch! Da will ich doch Freund sein, oder?

Die weltbeste Tageszeitung "Weser Kurier", dieser täglich den Bremern das Wahrhaftige verkündende Bote aus Wes, zitiert in dem Artikel hinter jenem Link (im März diesen Jahres) "Angefangen hatte alles mit der Tagesschau. Im Winter 1996/97 sah Zia Gabriele Hüttinger dort einen Beitrag über einen Obdachlosen, der am Bremer Bahnhof nachts erfroren war. Sofort hatte sie die Idee, eine mobile Suppenküche zu gründen."

Klasse, oder? Da erfriert ein Mensch, und ein anderer folgert messerscharf: Dem hat Suppe gefehlt! Nicht soziale Gerechtigkeit, sprich Grundeinkommen, nein! Weit gefehlt! Was *wirklich* gefehlt hat, war *Suppe*! "Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht" habe sie in der Dankesrede gesagt, während sie "unter langandauerndem Applaus ihren Preis entgegennahm".

Ja! Widerstand! Unrecht! Gehen wir auf die Straße gegen dieses menschenverachtende System! Mit Suppe! Werden wir alle Fratzenbuch-Freundin der Suppenengel! Erst Bremen und dann die Welt!

Trotz aller Glückseligkeit, dass die Probleme der Welt nun gelöst sind, musste ich an einen Artikel in der taz (vom Juni diesen Jahres) denken: "Schaden die Tafeln den Armen?". Darin heißt es, dass Tafeln eher Trog heißen müssten, weil ihr Sinn darin bestehe, sich durch die Fütterungsaktionen selbst über die "armen Schweine" zu erheben anstatt sich zu fragen, welchen ursächlichen Anteil man selber an deren Schicksal hat und wie man diesen strukturell bekämpfen kann.

"Tafeln nehmen immer häufiger institutionelle Eigeninteressen und nur noch selten die Perspektive der Nachfrager in den Blick. Sie etablieren beschirmherrschaftete Scheinwelten, in denen sich Erwartungen verstetigen und in denen Perspektivlosigkeit zunimmt. Tafeln sind unauflösbar ambivalent: Sie veröffentlichen und skandalisieren Armut, aber sie schaden gleichzeitig den Armen. Dann, wenn sie parallelweltliche Reservate schaffen, in denen sich Menschen 'abgespeist' fühlen. Dies ist schädlich, weil sich am Ort der Abspeisung niemand mehr als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen kann."

"Die Tafeln schaden den Armen, weil sie die wirkungsmächtige Erosion des Sozialstaats fördern. Sie untergraben das soziale Grundrecht, dass jeder und jede einen gesetzlichen Anspruch auf eine menschenwürdige Grundsicherung hat. Sie erlauben, den Sozialstaat zu demontieren, und begrüßen gleichzeitig auf ihren Festveranstaltungen reihenweise Politiker und Politikerinnen, die mit der einen Hand Sanktionen gegen Hartz-IV-EmpfängerInnen verhängen und gleichzeitig die Arbeit der Tafeln bejubeln. Armut kann politisch nützlich sein, Tafeln werden unter der Hand zu einem sozialpolitischen Instrument, den verfallenden Sozialstaat zu beblümen."

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass ich möglicherweise deshalb etwas sehr zynisch auf den "Freundschaftsvorschlag" zu den Bremer Suppenkaspern reagiere, weil ich gerade das (unerwartet gute) Buch "Die verblödete Republik" von Thomas Wieczorek gelesen habe. Dort wird einfach zu gut beschrieben, wie das deutsche Volksverdummungssystem funktioniert. So bewerben die Bremer Suppenengel auf ihrer Webseite neben sich auch "Die große Reportage (RTL-Fernsehen)": "Harte Zeiten für Obdachlose. Bei eisigsten Temperaturen übernachten sie unter Brücken, in Parkhäusern oder über U-Bahn-Schächten. [...] Seit 13 Jahren fährt Zia viermal in der Woche mit dem Fahrrad durch die Bremer City - das ganze Jahr über. Neben Essen, Kleidung und heißem Kaffee brauchen die Wohnungslosen vor allem eins: Jemanden, der ihnen zuhört". Mit RTL als "einer Art Verfilmung der Bildzeitung" (Wieczorek) im Boot sind die Suppenengel damit selbst zynischer Bestandteil der Verblödungsmaschine.

Ach ja, der Weser Kurier schreibt noch über "Zia": "Die gelernte Hauswirtschaftsgehilfin aus Schwaben war damals arbeitslos. Auch heute lebt sie von Hartz IV." Es ist schon ein toller Masterplan: Man teile die Menschen in drei Klassen: Eine Klasse siedele man außerhalb der Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe an (Obdachlose, Zwangsarbeiter, Sklaven), einer weiteren Klasse (den "Zia"s dieser Welt) beraube man mittels Hartz 4 der Möglichkeit, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, und lasse sie sich aber über die erstere erheben, indem man ihnen Anerkennung dafür gibt, die Menschen der ersteren Klasse mit Abfällen abzufüttern -- und schon hat man die eigentliche Welt für sich. Es lebe der neoliberale Wahn, deren perverseste Auswüchse u.a. solche Suppentafeln sind. Da ist noch richtig Wachstum drin!

Ich bin einfach nur angewidert, aber was macht's. Denn "Zia" hat "ein Stück Bremer Geschichte geschrieben" sagt der Weser Kurier. Wahrhaftiges aus Wes. Verdummung in Perfektion.