"Die Nazis wollten der 'verjudeten Schulmedizin' die Homöopathie entgegensetzen. Eine Überprüfung der 'neuen deutschen Heilkunde' führte jedoch zu katastrophalen Ergebnissen - Homöopathen befänden sich in einer Dauerhypnose, resümierte am Ende der Studienleiter." -- Diese tolle Einleitung war gestern auf SPON zu lesen. Homöopathen = Nazis? Holla, was geht da denn ab?

Von Nazis, Schamanentum und Homöopathie berichtet heute auch ein Brightsblog (wie weit speziell dieses offiziell mit den Brights zu tun hat, weiß ich nicht): "Die menschliche Schwäche zum okkulten scheint sich immer stärker bemerkbar zu machen. Nazis und Hippies hatten eine gemeinsame Schwäche, für Wunderheiler, Medizinmänner und Geistheiler. Besondere Qualifikationen sind nicht erforderlich. Ausreichend ist ein lamaistischer Glatzkopf, ein weißer Vollbart wie bei Bhagwan oder eben Himmlers Ratgber Weisthor."

Sagt mal, geht's noch?

Selbst ein Piratenblog hetzt seit dem 10. Juli täglich (also in bis heute mittlerweile sechs ausführlichen Teilen!) gegen Homöopathie -- mit dem Ziel, dies in die innerparteiliche Diskussion zu tragen. Täglich gibt's auch ein schönes Video eingebettet. Dazu kommt die ganze Diskussion in den Kommentaren. Homöopathie ein Piratenthema?

Öhm. Sommerloch?

Ich werde jedenfalls nichts davon auch nur lesen, denn die Diskussion, ob Homöopathie theoretisch wirksam sein kann oder nicht, ist Makulatur. Erst recht die Diskussion, ob Homöopathie Medizin ist oder Religion/Esoterik, ist irrelevant. (Und auf eine Einbeziehung von Nazis oder Geistheilern in diese Diskussion lasse ich mich sowieso nicht ein.) Es gilt ganz einfach: Wer heilt, hat recht.

Klar kann ich nicht beurteilen, wer nun heilt und wer nicht. Ich kann nur die Methodik derjenigen angucken, die Behauptungen aufstellen, und beurteilen, wie die zu ihren Erkenntnissen gelangt sind. (So unterscheide ich z.B. auch bei physikalischen Theorien, was ich von ihnen halte -- denn selbst durchrechnen und durchmessen kann ich sie ja nicht.) Im Bereich Medizin aber habe ich dazu schlicht keine Lust. Ich will einfach nur, dass mir (und anderen) bei Bedarf geholfen wird. Es muss funktionieren. Praktisch, nicht theoretisch.

Um das klarzustellen: Ich argumentiere hier nicht pro Homöopathie. Im Gegenteil: Ich halte deshalb nichts von Homöopathie, weil sie nicht zu dem passt, was ich unter einer Krankheit verstehe: Krankheit ist eine Maßnahme des Körpers, um eine Störung zu heilen. Wenn man die Krankheit bekämpft, verstetigt man die Störung und überführt sie in ein Leiden. Um eine Krankheit loszuwerden, muss man sie also unterstützen, anstatt sie zu bekämpfen. Dann erreicht sie ihr Ziel schneller, effektiver und weniger belastend. Beispiel: Bei Fieber wärmt man -- und kühlt nicht etwa (oder nimmt gar fiebersenkende Mittel). Gegenbeispiel: Notfälle (wie z.B. Blinddarmdurchbruch) sind keine Krankheit in dem Sinne. Wichtig ist also zu erkennen, welche Störungen man direkt bekämpft, welche aber (zwecks indirekter Bekämpfung) unterstützt werden müssen. Aber Achtung: Auch bei für nachhaltige Heilung zu unterstützenden (anstatt zu bekämpfenden) Krankheiten kann es sinnvoll sein, bei bestimmten destuktiven Auswirkungen der Symptome doch direkt gegen diese vorzugehen. Beispiel: Schmerzen, die sich das Gehirn "einprägen" würde oder die den Heilungsverlauf behindern.

Was in jedem Fall abzulehnen ist, sind Dauermedikationen, wenn diese bloß Symptomverschiebungen bewirken, also von einem großen Leiden zugunsten kleinerer anderer (dadurch geförderter) Leiden ablenken. Hier ist stattdessen eine Krankheit auszulösen (durch welche Maßnahmen auch immer), die das Leiden in befristeter Zeit, also nachhaltig bekämpft. Dies gilt auch für Leidensprävention, wie z.B. im Falle zu hohen Blutdrucks: Selbst wenn es blutdrucksenkende Mittel gäbe, die den Körper nicht verkrüppeln, wäre eine Dauermedikation die ganz falsche Maßnahme. Gegenbeispiel: Manche Organstörungen sind nicht durch eine Krankheit korrigierbar. Da ist Dauermedikation dann unverbeidbar. Sie muss aber immer die letzte Wahl sein, und Maßnahmen, die eine Dauermedikation nach sich ziehen, sind unbedingt zu vermeiden. Die dadurch (neben-)bewirkten Symtomverschiebungen verunmöglichen nachfolgende Problemdiagnostik!

Dieses Prinzip, durch das Unterstützen von Krankheiten Gesundheit zu fördern, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt das schulmedizinisch führende. Auf den zweiten Blick aber schon: Viele chemischen Keulen erzeugen eine andere Krankheit, die den Körper insbesamt befähigt, alle zusammen zu heilen -- und damit das drohende Leiden abzuwehren. Der Unterschied zur Alternativmedizin ist also nur die Art der Maßnahmen: Chemiekeulen anstatt Massagen, nasse Wickel, ansteigende Sitzbäder und andere (hochwirksame) natürliche Vorgehensweisen. Beispiel: Man gibt fieberauslösende Mittel anstatt die Heizung aufzudrehen. Aber das Prinzip ist das gleiche.

Homöopathie hingegen ist weder Schul- noch Alternativmedizin -- denn sie adressiert weder Krankheitsunterstützung (zur Leidensvermeidung), noch Symptombekämpfung (zur Schadensabwehr), noch Notfallbehandlung, noch Unfallfolgen, noch schwere Krankheitsbilder, noch Dauerorgandefekte, noch sonst irgend etwas. Wirksam oder nicht -- selbst wenn sie wirksam ist, wird sie allein zur Symptomverschiebung eingesetzt, also für Maßnahmen, die sowohl in der modernen Schul- als auch in der natürlichen Alternativmedizin unbedingt zu vermeiden sind. Diese Erkenntnis -- das sollte ich an dieser Stelle vielleicht noch erwähnen -- ist auch nicht auf meinem Mist gewachsen. Ich habe sie von einer Heilpraktikerin für Naturheilverfahren, die neben Homöopathie (der sie Wirksamkeit zuschreibt! -- aber eben schädliche) vor allen Dingen esoterische Heilkunst leidenschaftlich als unseriös bekämpft. Auch bei psychischer Implikation hilft Homöopathie nicht -- denn nichts an ihr wirkt ganzheitlich.

Dennoch hat Homöopathie nichts mit Schamanentum, Hippies, Himmler und Piratenpartei zu tun. Die aktuelle Diskussion ist einfach nur absurd. Und natürlich müssen die gesetzlichen Krankenkassen homöopathische Mittel bezahlen, wenn sie ein Arzt dennoch für richtig hält. Das aktuelle Problem im deutschen Gesundheitswesen ist doch gerade, dass die Krankenkassen bestimmen, was ein Arzt abrechnen darf. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.