Eine Warnung vorab: Es kommen in dieser Gutenachtgeschichte Wörter wie "Gauck" und "Wulff" vor. Für Schlafstörungen übernehme ich keine Verantwortung! Die Geschichte aber geht nun so:
Als unser neuer Bundespräsident gewählt wurde, war ich irgendwo im tiefsten Watt. Ganz dicht rauschten die Riesenpötte auf der Elb-Wasserstraße in Richtung Hamburg; fern am Horizont waren Radartürme zu sehen -- einer auf der Insel Neuwerk und einer in Cuxhaven. Beide aufgrund der großen Distanz kaum noch zu erkennen, aber ich hatte Netz.
Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer heißt die Gegend, und die Sonne machte sich gerade auf, in der Nordsee zu versinken. Das Abendlicht beleuchtete die Muscheln und Bernsteine, während ich auf meinem GPS-Empfänger guckte, was so getwittert wird. Ich folgte keinen Links ins Web, sondern ließ nur kurz die Tweets vorbeirauschen und entnahm so die Info, daß sich die Linken im 3. Wahlgang -- als kein wählbarer Kandidat mehr übrig war -- offenbar enthalten haben.
Knallrot wurde der Himmel als die Sonne dann untergegangen war, und die Schönwetterwolken reflektierten diese Farbe ins Watt. Nun war also fotografieren angesagt. Da ist man mal mitten in der reinen Natur und beschäftigt sich dennoch mit Politik und Technik. Offenbar nicht nur Ebbe im Watt und in der Politik, sondern auch im Hirn. ;-)
Wie dem auch sei, meine Stimmung war gut, die Mimik entspannt und die Kapuzenjacke schwarz. Hintendrauf in fetten orangen Lettern: "Klarmachen zum Ändern -- Piratenpartei". Ich erwähne das deshalb, weil ich heute mal gegoogelt habe, ob es die Piratenpartei noch gibt. Und siehe da: Aus Bremen kam vor ein paar Tagen ein Artikel Präsidentenwahl eine Schande für die Demokratie. "es wirft einen hässlichen Schatten auf das Amt des Bundespräsidenten" lese ich da, sowie "ein Offenbarungseid für die Sozialdemokraten und die Grünen einen Kandidaten aufzustellen, der sich politisch eindeutig zum gegnerischen Lager bekennt" und "Die Verlogenheit der aktuellen Debatte wird an dieser Stelle besonders deutlich" -- "eine demokratische Lachnummer".
Eigentlich bin ich noch in Urlaubsstimmung und würde lieber über Wattwürmer diskutieren als über Bundespräsidenten, aber weil der erste Kommentar zu jenem Artikel mit "Meine bis dato vorhandenen Sympathien für die Piratenpartei schwinden zusehends" beginnt, möchte ich mich doch kurz dazu äußern. Denn er stammt von einem "Jörn (SPD)" -- und auf die Buchstabenfolge "SPD" reagiere ich bekanntermaßen allergisch.
Ich jedenfalls bin glücklich, daß es nicht Gauck geworden ist. Alle Welt wartet darauf, daß rot-grün mit den Linken spricht und eine gemeinsame Politik als Alternative zum schwarz-gelben Wahnsinn konzipiert. Die Bundespräsidentenwahl hätte ein Zeichen in diese Richtung setzen können. Aber stattdessen ging das Signal in Richtung Ampel, indem sie die Linken komplett ignoriert und stattdessen einen Kandidaten aufgestellt haben, der noch neoliberaler ist als Wulff. Die FDP wiederum hat bejahend geantwortet, indem sie dem rot-grünen FDP-Kandidaten drei Wahlgänge beschert hat. Ja, das war tatsächlich "ein Offenbarungseid für die Sozialdemokraten und die Grünen".
Aber auch die Auswahl des Kandidatens der Union war offener Wahlkampf. Absurde Vorschläge wie von der Leyen und Wulff können nur als deutliche Signale in Richtung der radikalkonservativen Unionsanhänger gedacht gewesen sein. Als machtpolitisches Statement zur Bindung von Wählerschichten ohne die Merkelsche Moderationspolitik zum eigenen Positionserhalt tatsächlich tangieren zu müssen. Und ja, "Die Verlogenheit der aktuellen Debatte wird an dieser Stelle besonders deutlich".
Nur wo hier das Problem ist, verstehe ich nicht. Den Bundespräsidenten könnte genausogut ein Affe geben. Er ist ohne Relevanz. Ich erinnere mich z.B. daran, daß Johannes Rau immer unbedingt Bundespräsident werden wollte. Mit Erschrecken stellte ich dann kürzlich fest, daß er es schon war. Ich konnte mich nicht daran erinnern. Seine Wahl und seine Amtszeit blieb unterhalb meiner Aufmerksamkeitsschwelle. Da sind selbst Wattwürmer eben doch interessanter.
Ich weiß noch, wie ich an jenem Abend im Watt das Handy schließlich weggesteckt und mich gelassen auf den Weg aus dem Watt gemacht habe. Nicht nur, weil es dunkel wurde, sondern auch weil die Priele wieder anfingen vollzulaufen. Die Priele laufen immer wieder voll. Und die Sonne geht auch immer wieder auf. Es gibt Schlimmeres als Wulff!
Tag #612: Finale
-
Ich muss mich hier mal outen und gestehen, dass ich das Halbfinalspiel gegen Spanien nicht geguckt h…
-
08 Jul 2010
Tag #593: Winkel in Bremerhaven
-
Beim Sichten der Bilder von der letzten Kunstbaustelle in Bremerhaven-Grünhöfe bin ich auf eines g…
-
19 Jun 2010
See all articles...
Keywords
Authorizations, license
-
Visible by: Everyone (public). -
All rights reserved
-
763 visits
Tag #609: Eine Gutenachtgeschichte
Jump to top
RSS feed- Latest comments - Subscribe to the feed of comments related to this post
- ipernity © 2007-2025
- Help & Contact
|
Club news
|
About ipernity
|
History |
ipernity Club & Prices |
Guide of good conduct
Donate | Group guidelines | Privacy policy | Terms of use | Statutes | In memoria -
Facebook
Twitter
Sign-in to write a comment.