Brüllt der Regenwurm wie der Löwe? Esperanto hat ein sehr allgemeines und deshalb äußerst praktisches Wort für die Laute, die Tiere machen: bleki. Immer, wenn man es nicht genauer weiß oder es nicht darauf ankommt, kann man sich also behelfen mit z.B. la hundo blekas, der Hund macht Hundelaut, die Katze Katzenlaut und die Giraffe Giraffenlaut. Gleichwohl fühlte der Sprachinitiator Zamenhof von allem Anfang an das Bedürfnis, auch andere Verben zu benutzen, weniger allgemeine, typischere, manchmal lautmalerisch inspirierte. Ich habe versucht, die verschiedenen Tierlaute zu sammeln. Lass mal hören.

Laut dem Universala Vortaro des Fundamento von 1894 bedeutet bleki französisch beugler, hennir etc. englisch cry (of beasts) deutsch blöken, wiehern etc. russisch мычать, блеять, ржать und polnisch beczeć, rżeć; nach dem Definitionswörterbuch von Kabe (1910): „seine Stimme erklingen lassen (bzgl. verschiedener Tiere)“. Nach dem PIV, unserem heutigen Esperanto-Duden: „seine Stimme erklingen lassen (bzgl. Vierbeiner)“ und fügt hinzu: „präzisere Verben siehe beim betreffenden Tiernamen“. Leider sind diese präziseren Verben nur recht selten verzeichnet und oft gerade nicht beim betreffenden Tiernamen. Seltsamerweise erscheint das Verb bleki außerdem bei Vogelnamen trotz des Hinweise „bzgl. Vierbeiner“. So findet man z.B. bei gaki die Definition: „bleki (bzgl. Gans)“. Seit wann haben die Esperanto-Vögel vier Beine? Diese Inkonsequenz ist inzwischen in der neuen Auflage von 2002 korrigiert und heißt jetzt „bzgl. Tiere“ – womit wir wieder auf dem Stand von 1910 angelangt sind.

Ich fand die Situtation unbefriedigend und habe die Tiere und ihre Laute gesammelt. Im Niederländischen war das leicht, in einem Wörterbuch für Kreuzworträtsel fand ich schnell eine Liste mir rund 200 Tierlauten. Ich habe aber festgestellt, dass auch in niederländischen Wörterbüchern bei den Tiernamen nur sehr selten ein Satz oder ein Hinweis auf den spezifischen Tierlaut erscheint. Im PIV findet man sie an höchst unerwarteten Stellen und manchmal offenbaren sie sich nur recht überraschend.

Bei grilo (Grille) findet sich der kurze Satz: la grilo krikrias, ĉirpas. Gut, er steht am richtigen Ort und verzeichnet das erwartete ĉirpas (zirpen). Aber außerdem steht da noch krikrias, eindeutig gebildet aus dem Verb krikrii (alle Verben enden im Esperanto im Infinitiv auf –i) und nicht aus krii (schreien, rufen). Krikrii selbst definiert das PIV nicht – offensichtlich ist das bisher keinem aufgefallen. Wie sind die Esperanto-Verben nun ins Niederländische zu übersetzen? Na klar, mit sjirpen. Das ist das niederländische Verb für den bleko, den Tierlaut, einer Grille (die ja sogar sechs Beine hat!). Das lehrt mich mein dicker Freund van Dale, unser Niederländisch-Duden. Aber das ist das auch das einzige Verb, das er mir bei krekel (Grille) vorschlägt. Und was ist mit krikrii?

Manchmal kommt Hilfe aus einer gänzlich unerwarteten Quelle. Um etwas für meine Kultur zu tun, las ich zufällig "Paravion" von Hafid Bouazza. Und auf Seite 41 steht der Satz: Het gekriek van de cicaden deed hen huiveren van weedom (Das krikriado der Zikaden ließ ihn vor Wehmut zittern). Da also ...! Hat Hafid das Wort erfunden? Nein, der dicke Freund kennt es auch und definiert es ... wie der Laut, den Grillen machen - aber natürlich beim Verb krieken. Im Übrigen passt krieken ja gut zu krikrii, oder nicht? Sie, werter Benutzer des Wörterbuchs, haben vielleicht gedacht, dass ich mir Tierlaute ausgedacht habe, aber nein, ganz und gar nicht, ich habe sie da gesammelt, wo ich sie finden konnte. Tatsache ist jedenfalls, das dieses Sammeln ein Hinweis darauf ist, dass man das ganze PIV wieder und wieder neu lesen und auf viele Dinge gleichzeitig aufpassen muss. Und nicht nur das PIV, wie Sie an meiner Erzählung über den ursprünglich aus einer anderen Kultur stammenden, sehr wortgewaltigen und erfolgreichen Autor sehen können.

Es sollte nicht meine einzige Entdeckung bleiben! Unter kŭaks – habe ich nicht gesagt, an den seltsamsten Stellen? – findet sich der Satz von Zamenhof: kŭaks, kŭaks, brekekekeks! nach der Definition „Onomatopöie (Lautmalerei) für das bleko von Kröten“ (okay, in Ordnung, vier Beine!). Gut, aber was ist mit brekekekeks? Ein Wort von Zamenhof ist es, aber bis jetzt nicht im PIV registriert. Aus den Onomatopöien darf man im Esperanto selbstverständlich Verben machen und deswegen kŭakst und vielleicht brekekekekst die Kröte in dieser Sprache.

Auf Grund meines Artikels setzte sich ein kleiner ethymologischer Zug in Bewegung. Noch vor Erscheinen schickte ich den Entwurf einem Freund und er reagierte. Er ist Gräzist, also Spezialist für Altgriechisch, aus Frankreich und schrieb mir, dass der Satz „kŭaks, kŭaks, brekekekeks!“ eine direkte Transskription des 209. Verses aus den Fröschen von Aristophanes sei. Und deshalb zweifelte er sehr daran, dass der Satz von Zamenhof stamme, denn dieser hat -soweit wir wissen - nie einen Text von Aristophanes übersetzt. Diesen Hinweis habe ich an die Redaktion des PIV weitergeleitet und sie hat mir postwendend geantwortet, dass der Satz im ersten Band der Märchen von Andersen vorkommt, nämlich im Märchen Elinjo-fingreto (Däumelinchen).

Damit ist klar, Andersen hat von Aristophanes übernommen, Zamenhof von Andersen. Die Wurzel des Esperanto-Worts liegt also im Dänischen – oder vielleicht im Deutschen, denn Zamenhof hat die Märchen ja nicht direkt aus dem Dänischen, sondern anhand einer deutschen Ausgabe übersetzt. Einmal mehr, wie üblich für Esperanto-Wörter, drei Sprachen mit sehr ähnlicher Form, weil die ethnosprachigen Übersetzungen oft und richtigerweise die Orthographie anpassen: altgriechisch, dänisch, deutsch. Darüberhinaus habe ich festgestellt, dass alle Übersetzungen in Ethnosprachen, die ich konsultieren konnte, das Wort getreulich übernehmen. Ich vermute, aber ich konnte es bisher nicht sehen, dass es auch in der niederländischen Übersetzung brekekekeks heißt.

Wie wir gesehen haben, hat Zamenhof selbst also nicht nur bleki verwendet. Im Ganzen konnte ich mehr als 250 Tieren Stimmen geben, allerdings noch nicht dem Regenwurm. Falls er uns etwas sagen will, kann er nur den Regenwurmlaut machen, lumbriko blekas. Die Melodien habe ich mehr als 150 Mal variiert. Und doch ist eine Verbesserung und Erweiterung möglich, im Esperanto ebenso wie im Niederländischen und ich wäre nicht verwundert, wenn Hafid dazu noch beitragen würde.

Um Ihnen den Mund ein wenig wässerig zu machen, nachstehend ein zufälliger Ausschnitt aus „Tiere und Laute“:

- Hier, lieber deutscher Leser oder genauer lieber Deutschleser, denn das gilt natürlich genauso für alle Freunde in Österreich, Ungarn, Korea, Brasilien usw., die Petro bis hierhin gefolgt sind, muss ich eben diesen kurz unterbrechen. Denn was jetzt folgt, ist das Ergebnis von Petro als Orpheus, der sich lange, lange Jahre mit großen und kleinen Tieren auf Esperanto unterhalten hat. Das kann ich als Nebenbei-Übersetzer nicht eben in einer halben Stunde auf Deutsch nachholen. Ich habe zwar eine dreistellige Zahl von Esperanto-Wörterbüchern, auch für Usbekisch und Kambodschanisch, um mal gängigere Beispiele zu erwähnen, aber leider kein deutsches Kreuzworträtsel-Wörterbuch. Somit geht es mir ein bißchen wie in der Geschichte von der Katze hinter der Mauer: Ich verstehe zwar, was Petro uns da sagen will, aber wie genau man das auf Deutsch sagt – keine Ahnung. Damit Sie sich vielleicht selber daran versuchen können, übersetzte ich Ihnen wenigstens die Tiernamen. Alle Tierlaute sind Verben im Präsenz und enden deshalb auf -as. Das ist z.B. bei der civeto kein Problem, sie knurrt und kläfft, graŭlas, jelpas. Beim Schimpansen schon, denn der macht im Esperanto den Laut hu!, d.h. er hu-t, huas. Nun denn: -

cipselo (Mauersegler): pepas, kriĉas, ĉirpadas
cirkuo (Weihe [Vogel]): kriĉas
civeto (afrikanische Zibetkatze): graŭlas, jelpas
ĉamo (Gemse): fajfas, mekas
ĉasleopardo (Jagdleopard): graŭlas, kraĉospiras, miaŭas, roras
ĉevalo (Pferd): henas, ronkas, snufas, snufegas, nazobruas, blovas
ĉifĉafo (Zilpzalp, Weidenlaubsänger): ĉifĉafas, nomvokas, kantas
ĉimpanzo (Schimpanse): huas
ĉinĉilo (Chinchilla): pepas
dazipo (Gürteltier): gruntetas
delfeno (Delfin): bojetas, jelpas
didelfo (Beutelratte, Opossum): kriĉas
dingo (Dingo, australischer Wildhund): jelpas, hojlas, bojas
diomedeo (Albatros): kriĉas, nazosonas

Und abschließend noch einen kleinen Ausschnitt aus der Liste der Tiere, die die gleiche Sprache sprechen (wenn auch in unterschiedlichen Dialekten):

gaki : anaso, ansero, berniklo, fuligulo, glacianaso, kerkedulo, klangulo, kreko, kuleranaso, marĉanaso, molanaso, otido, somaterio, spatulo, tufanaso
gargarkanti : alaŭdo, kalandro, najtingalo
gikgaki : anaso, ansero, berniklo, fuligulo, glacianaso, kerkedulo, klangulo, kreko, marĉanaso, molanaso, otido, somaterio, spatulo, tufanaso
glugli : meleagro, urogalo
glugluglui : meleagro
gluti : kapibaro
graki : arao, botaŭro, frugilego, kakatuo, keo, kitio, kokino, korako, kormorano, korniko, korvo, kovkokino, laro, mevo, monedo, korvo, papago, pirokalo, psitako, ridmevo, sterkorario, struto, strigo, ŝterno
graŭleti : foino, lutro
graŭli : biglo, civeto, ĉasleopardo, dogo, genato, gepardo, grejhundo, hieno, hundo, izatiso, jaguaro, kapibaro, kato, leono, leopardo, lamo, ljamo, lupo, oceloto, pumo, spanielo, servalo, setero, ŝpico, vulpo, vertago, uncio, tigro
grinci : akrido, grilo, grilbirdo, lokustelo, manto

p.d.s.

Das Esperanto-Original dieser erläuternden Annäherung findet sich diesmal hier. Raum für viele gute Ideen wie Zilpzalp, Gürteltier und Beutelratte sich auf Deutsch unterhalten, finden Sie nachstehend.