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BERLINER ZETUNG (11.03.2000) Der Fremde in der Calle Mississippi In Mexico City steht das Haus des Schriftstellers B. Traven - es bewahrt ein literarisches Geheimnis, Frank Nordhausen
BERLINER ZETUNG
Der Fremde in der Calle Mississippi
In Mexico City steht das Haus des Schriftstellers B. Traven - es bewahrt ein literarisches Geheimnis
Frank Nordhausen
Die berühmteste Straße von Mexico City ist der Paseo de la Reforma. Vom Rand der historischen Altstadt zieht sich der Boulevard quer durch die Metropole zu den Anlagen des Chapultepec-Parks. Auf seinem Weg durchmisst er einige Wohnviertel, deren kolonialer Lŭus inzwischen von charakterlosen Beton- und Steinquadern ersetzt ist. Zu ihnen zählt auch die Gegend an der Querstraße Río Mississippi, die einmal Charme besaß, als Dattelpalmen noch ihre Bürgersteige zierten. Ummauert wie ein Bunker verbirgt sich dort zwischen ähnlich tristen Gebäuden das Haus Nummer 61. Der schlichte moderne Ziegelbau war der letzte Fluchtpunkt eines Schriftstellers, der noch immer als das "größte literarische Geheimnis" des vergangenen Jahrhunderts gilt, weil niemand weiß, wer er wirklich war: B. Traven.
In der Mississippi-Straße muss jede Suche nach den Spuren des Autors von Welterfolgen wie "Das Totenschiff", "Der Schatz der Sierra Madre" oder "Die weiße Rose" beginnen. Hier ist Traven am 26. März 1969 gestorben. Wenn er aus dem Fenster blickte, konnte er noch die Palmen sehen. Damals gab es kein Klingelschild neben der Tür. Das blieb auch so, als Rosa Elena Lujan im Haus noch regelmäßig prominente Gäste wie den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker empfing. Nun hat Travens Witwe die Achtzig weit überschritten und sich ganz in ihre Erinnerungen zurückgezogen.
Ihre Gäste pflegt sie in die kleine Bibliothek im Erdgeschoss zu geleiten, deren Regale bis zur Decke mit Ausgaben von Traven-Büchern gefüllt sind. An der Wand ein Foto, das den mexikanischen Maler David Alfaro Siqueiros zeigt, "Traven mit fester Umarmung" gewidmet. Wer aus der lauten Großstadt in die kühle Stille dieses Hauses tritt, der verspürt nicht nur einen Hauch 60er-Jahre, sondern auch die Atmosphäre gediegener großbürgerlicher Eleganz. Das diffuse, durch schwere Gardinen gefilterte Licht verleiht den Räumen zugleich etwas Museales. "Ich liebte es sehr, hier im Haus mit Traven zu sein", sagt Frau Lujan; seit seinem Tod habe sie so gut wie nichts verändert.
Liegt in der Calle Mississippi der Schlüssel, um das Jahrhunderträtsel doch noch zu lösen?
--Ende 1925 kam der Fremde, der sich B. Traven Torsvan nannte, erstmals nach Mexico City. Die Hauptstadt des Landes, heute die größte Metropole der Welt, hatte damals nur 400 000 Einwohner; wegen ihrer klaren Luft galt sie als ein idealer Ort zum Leben. Dort fand der kleine Mann mit dem schlechten Englisch schnell Anschluss an eine Gruppe linker Intellektueller um die Maler Siqueiros und Diego Rivera, den amerikanischen Fotografen Edward Weston und die schöne italienische Kommunistin Tina Modotti. Für sie alle war das postrevolutionäre Mexiko der "Arbeiterpräsidenten" Obregón und Calles das Land des kommenden Sozialismus. Für den Fremden war es noch weit mehr: ein Land nämlich, wo es "taktlos, beinahe beleidigend" sei, "jemand nach Namen, Beruf, Woher und Wohin auszuforschen", wie er in seinem Manuskript "Die Baumwollpflücker" schrieb, das er damals nach Deutschland schickte.
Keiner seiner neuen Freunde ahnte, dass der Mann ohne Vergangenheit im Begriff stand, auf der anderen Seite des Atlantiks eine beispiellose Karriere zu starten. Denn während "Traven Torsvan" in Mexiko Spanisch lernte, wurde "B. Traven" mit sozialkritischen Abenteuerbüchern zu einem neuen Star der deutschen Literatur. Sein Roman "Das Totenschiff" katapultierte den Geheimnisvollen 1926 aus dem Nichts auf die öffentliche Bühne; anschließend verfasste er Bestseller um Bestseller und verriet dabei nie seinen wahren Namen, wo und wann er geboren wurde. "Ich bin kein Schriftsteller und habe keine Sehnsucht nach Berühmtheit", erklärte Traven. Ob echte Bescheidenheit, werbewirksames Understatement oder ein dunkler Punkt in der Vergangenheit bis heute mühen sich Literaturforscher mit obskuren Theorien, falschen Spuren und labyrinthischen Verweisen. Traven bleibt ein Rätsel, und das ist im Zeitalter der Geburtsurkunden, Pässe und Register eine erstaunliche Tatsache.
Wer war B. Traven? Jack London, der seinen Selbstmord nur vorgetäuscht hat? Der amerikanische Romancier Ambrose Bierce, der 1914 in den Wirren der mexikanischen Revolution verschwand? Der Mecklenburger Matrose August Bibeljé? War er "Captain Bilbo" aus Berlin oder so die These einer Aufsehen erregenden BBC-Reportage der Sohn eines schlesischen Töpfers namens Hermann Otto Albert Max Feige? Sicher ist nur dies: Traven war der erfolgreichste literarische Außenseiter der Weimarer Republik, galt in den 50er-Jahren als nobelpreisverdächtig und ist heute mit geschätzten 32 Millionen Exemplaren Weltauflage noch immer einer der meistgelesenen Schriftsteller deutscher Sprache.
Als Traven 1969 starb, gab seine mexikanische Witwe bekannt, dass ihr Mann, der sich zuletzt "Hal Croves" nannte, mit dem berühmten Autor identisch sei. Sie bestätigte, was Zeitgenossen wie Egon Erwin Kisch oder Oskar Maria Graf schon lange behauptet hatten: Unter dem Namen Ret Marut, auch dies ein Pseudonym, hatte Traven im Rheinland als Schauspieler und ab 1917 als Publizist in Bayern gewirkt, wo er die anarchistisch-pazifistische Zeitschrift "Der Ziegelbrenner" herausgab. Er gehörte zu den Anführern der Münchner Räterepublik, ging nach dem Einmarsch der Freikorps in den Untergrund und gelangte 1924 über London unter abenteuerlichen Umständen nach Tampico am Golf von Mexiko.
In der tropischen Ölstadt und ihrer Umgebung fand er seine Stoffe und Romanfiguren: Arbeiter, Vagabunden, Indianer. Er schrieb vom Fluch des Goldes und des Öls und prophetisch fast von indianischer Rebellion in Chiapas. "Ich kenne das Leben in Mexiko", prahlte er 1925 in einem Brief. "Und da ich dieses Leben bis zu dieser Stunde, wo ich diesen Brief schreibe, als Arbeiter lebe, als Ölmann, als Farmarbeiter, Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertreiber, Jäger, Handelsmann unter den ,wilden Indianerstämmen der Sierra Madre, wo die ,Wilden noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, tätig war, und es darum aus eigener Anschauung kenne, glaube ich, den Lesern viel Lustiges, Trauriges, Wissenschaftliches und Unterhaltendes mitteilen zu können."
Im Widerspruch dazu steht jedoch sein eigenartiger Anonymitätskult: "Von einem Arbeiter, der geistige Werte schafft, sollte man nie einen Lebenslauf verlangen." Das Paradox seines Lebens Wirkung erzielen zu wollen, ohne persönlich in Erscheinung zu treten brachte Traven mehr als einmal in eine heikle Lage. So verkroch er sich während des Zweiten Weltkriegs im kleinen Fischerdorf Acapulco, um jenen neugierigen deutschen Emigranten nicht zu begegnen, die wie der "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch in Mexiko nach dem berühmten Landsmann suchten "ein Flüchtiger auf der Flucht vor den Flüchtlingen", wie sein Biograf Karl Guthke anmerkt. Und als der Hollywood-Regisseur John Houston 1947 den "Schatz der Sierra Madre" mit Humphrey Bogart in der Hauptrolle verfilmte, verhalf er Traven damit zwar zu Weltruhm, doch zugleich starteten Journalisten die Jagd auf den "großen Unbekannten". Kaum spürten ihn mexikanische Reporter in Acapulco auf, verschwand Traven und floh als "Croves" in die Anonymität von Mexico City.
Rosa Elena Lujan, die Traven in den 50er-Jahren heiratete, und einige Freunde schirmten ihn in den letzten Jahren seines Lebens nahezu perfekt ab. Zu ihnen gehörte der 1997 verstorbene mexikanische Kameramann Gabriel Figueroa. "Wir wussten genau, wer Croves war", sagte Figueroa, als er mich vor fünf Jahren zu jenem Zimmer seines Hauses führte, das er für den Freund immer bereitgehalten hatte, wenn der mal wieder in Not war. "Na gut. Croves war Traven, aber wer war dann Marut?" Figueroa senkte die Stimme und flüsterte: "Er war Mauricio." Traven habe ihm dies streng vertraulich erzählt: Er sei ein unehelicher Halbbruder Walther Rathenaus gewesen, mit Namen: Moritz. Travens Witwe hatte jedoch noch nie von Mauricio oder Moritz gehört. "Einmal hat er im Bett über seine Mutter gesprochen", verriet sie. "Aber als ich nachhakte, wurde er wütend und rief: ,Ich hatte keine Mutter! Danach habe ich nie wieder gewagt, ihn nach seiner Herkunft zu fragen."
--Rosa Elena Lujan lebt in einem Haus, das noch immer den Geist jenes Mannes atmet, der zwar über Vagabunden und Proletarier schrieb, aber gewiss keines von beiden war. Der soignierte Herr, der gut Französisch sprach und Geige spielte, liebte nicht nur steife Tischsitten, sondern auch eine gewisse Eleganz des Wohnens. Das Erdgeschoss des Hauses nimmt ein geräumiger Wohnraum ein mit Kamin, Orientteppichen, silbernen Leuchtern und zahlreichen Grafiken und Gemälden. Er öffnet sich zu einer Terrasse und einem kleinen Garten mit Gummibäumen, indianischen Masken und Keramiken. "Traven hat diese Arbeiten aus Chiapas mitgebracht", sagt seine Witwe.
Eine Holztreppe führt vom repräsentativen Erdgeschoss in die beiden oberen Etagen des schmalen Hauses. Neben der Treppe hing noch vor zehn Jahren das Plakat zum deutschen Film "Das Totenschiff" von 1959 mit Horst Buchholz, Mario Adorf und Elke Sommer. Rosa Elena Lujan hat es inzwischen abgenommen.
Im zweiten Stock herrschte der "Skipper" autonom auf seiner "Brücke": ein Zimmer mit Bett und Bad, das er über eine Hintertreppe durch den Garten verlassen konnte ohne dass es unten jemand bemerkte. Sein Arbeitsraum besaß einen Balkon er ist heute verglast , der auf die Calle Mississippi hinausging; dort stapeln sich jetzt Kisten mit Traven-Büchern. Im Zimmer selbst ist nach seinem Tod lediglich das Bett entfernt worden. Regale und Schränke gruppieren sich um den hölzernen Schreibtisch, auf dem noch immer Travens berühmte Remington steht, die er sogar mit in den Dschungel nahm. An der Wand hängt ein Porträt von Rosa Elena als junge Schönheit, und in einem der Regale liegt ein Bronze-Abdruck der ineinander verschränkten Hände Travens und seiner Frau.
Die "Brücke" dient heute keinem anderen Zweck als der Erinnerung an den Autor. Im Regal: seine Bücher, von der "Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen" von 1906 über Jack Londons "Martin Eden" bis hin zu Eugen Kogons "SS-Staat". Auf dem Schreibtisch: hunderte von Zeitungsausschnitten über B. Traven, lose oder in Mappen geheftet. In den Schränken: seine Expeditionsausrüstung. Gern öffnet Rosa Elena Lujan die Schranktüren, zeigt dem Besucher Travens Tropenhelm, Kompass und Reitgerte und zieht ein Paar schmaler Schnürstiefel hervor. "Diese Schuhe trug er bei seinen Exkursionen in den Urwald", sagt sie. "Er bewahrte seine Ausrüstung so auf, dass er jederzeit abreisen konnte."
Den eigentlichen Schatz bergen große stählerne Schubkastenschränke, in denen tausende von Manuskriptseiten, Korrekturblättern, Filmskripten, Briefen, Fotos und anderen Akten liegen: B. Travens Nachlass. Der Mann, der sich verbarg, sammelte wie ein Besessener noch das banalste Stück Papier. Das Archiv enthält Tagebücher und Briefe, die noch kein Forscher ausgewertet, Romanfragmente und Kurzgeschichten, die noch kein Verleger publiziert hat. All die Kleinode werden jedoch in einem beklagenswerten Chaos ohne jede erkennbare Ordnung verwahrt.
Auch dem Harvard-Professor Karl Guthke, der Mitte der 80er-Jahre für seine groß angelegte Traven-Biografie erstmals Zugang zum Nachlass erhielt, gelang es nur, einen wenn auch erheblichen Teil davon zu sichten. Mich verblüfft Rosa Elena Lujan immer wieder damit, dass sie aus einer Schublade oder einem Tresor ein Dokument zieht, von dem noch nie jemand gehört, das noch nie jemand gesehen hat. Da Travens Witwe kein Deutsch beherrscht, bittet sie mich, ihr das eine oder andere Dokument zu übersetzen. Sie hofft, in dem Materialberg doch noch einen Hinweis auf die Identität ihres Mannes zu finden, wenn auch sein Biograf Guthke inzwischen meint: "Möglicherweise hat es Traven selber nicht gewusst." Oder er hat entscheidende Hinweise vernichtet. Fest steht, dass der Autor an einem Abend des Jahres 1967 in wilder Panik im Kamin Papiere verbrannte. Damals hatte sich B. Traven, über achtzig Jahre alt, schwerhörig und fast blind, dauerhaft im Schutz der Calle Mississippi 61 eingerichtet. Er war schon längere Zeit nicht mehr von Detektiven behelligt worden. Doch er hatte nicht mit der Beharrlichkeit eines gewissen deutschen Reporters gerechnet.
"Es war ein aufregendes Erlebnis, als ich endlich das Haus in der Mississippi-Straße betrat", erzählt Gerd Heidemann. "Ich hatte Herzklopfen, als wenn ein Traum in Erfüllung geht." Der einstige Reporter des Magazins "Stern", der jetzt als Rentner in einem Sozialbau von Hamburg-Altona lebt, galt in den 60er-Jahren als einer von Deutschlands härtesten und besten Rechercheuren bevor ihm der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher eine eher zweifelhafte Berühmtheit verlieh. "Es war an einem Tag im August 1962", erinnert sich Heidemann, "als mich mein Chefredakteur Henri Nannen zu sich rief." Nannen fragte: "Kennen Sie Traven?" Heidemann antwortete: "Meinen Sie den geheimnisvollen Schriftsteller?" Nannen: "Finden Sie ihn!"
Also begann Heidemann zu suchen. Zuerst in Deutschland, in Mecklenburg etwa, dann in Dänemark, in Holland und England, schließlich in Brasilien, den USA und Mexiko. "70 000 Kilometer rund um die Erde!", sagt er und lässt die Zahl auf den Besucher wirken. "Ich habe so recherchiert, wie ich es auch bei der Tagebuch-Geschichte hätte tun müssen. Habe jede Spur verfolgt, bis sie tot war oder bis sie mich weiterführte." Heidemann schleppt Aktenordner herbei. 70 Ordner hat er angelegt, das größte Archiv über den Rätselhaften außerhalb der Calle Mississippi. "Wie sich Nannen das vorgestellt hatte, so lief es nicht", sagt er. Nicht so schnell. Und nicht so wirkungsvoll. Bald verlor Henri Nannen das Interesse; Gerd Heidemann dagegen nie. "In jeder freien Minute, in jedem Urlaub habe ich mich mit Traven beschäftigt, habe 70 000 Mark aus eigener Tasche bezahlt. Es gab ja so viele Sackgassen, in die man sich verrannt hat." Irgendwann erklärten ihn Kollegen beim "Stern" wegen seines "Traven-Ticks" für verrückt.
Doch Heidemann, der nicht aufhören konnte zu suchen, wühlte sich durch alte Akten, durch Melderegister, Zeitungsarchive, Bibliotheken und wurde fündig. Er entdeckte den Nachlass Ret Maruts auf einer Burg in Südtirol; in Düsseldorf Dokumente über Maruts Theaterlaufbahn; in Zürich den Briefwechsel Travens mit seinem deutschen Verleger, der Büchergilde Gutenberg. Heidemann fand Freunde und Weggefährten des Pseudonymus in Deutschland und Mexiko, etwa jene inzwischen alt gewordenen Indios, die in Chiapas seine Maultiere führten und bei Kontakten mit den Einheimischen Übersetzungsdienste leisteten. Und schließlich fand er den Geheimnisvollen selbst in Mexico City, in der Calle Río Mississippi 61. Das war zwei Jahre vor Travens Tod.
Gerd Heidemann nimmt eine Lesebrille und blättert in seinen akkurat beschriebenen Tagebüchern aus Mexiko. "Ich kundschaftete zunächst sorgfältig das Umfeld aus", sagt er. Dann versuchte er, Kontakt zu Rosa Elena Lujan aufzunehmen. Doch erst als der Kameramann Gabriel Figueroa ein gutes Wort für ihn einlegte, gab die "schöne mysteriöse Frau" im Dezember 1966 seinem Drängen nach. "Nun sollte ich also Traven kennen lernen. Das war so, als ob jemand feierlich sagte: Und jetzt bekommen Sie den Rest der Geschichte." Heidemann betrat das Haus in der Mississippi-Straße gemeinsam mit dem Archäologen Ferdinand Anton, als dessen Fotograf er gelten sollte, und Rosa Elena geleitete sie in das lŭuriöse Wohnzimmer. "Traven kam dann die Treppe herunter", sagt Heidemann. "Er ging sehr vorsichtig und wirkte äußerst gebrechlich. Seine Hand zitterte leicht."
Nach einem Drink und ein paar höflichen Worten zog die kleine Gesellschaft in Travens Lieblingsrestaurant "Bellinghausen", wo der weißhaarige Greis zwar dem Tequila zusprach, während des Essens aber kaum ein Wort von sich gab. "Ich hatte das Gefühl, dass er uns trotz seines Hörgeräts kaum verstand", erzählt Heidemann. Der Reporter erzählte Traven von dessen indianischen "Burschen" in Chiapas; der alte Mann freute sich, von den einstigen Gefährten zu hören, und erkundigte sich seinerseits, ob "die Bierkeller in München noch immer eine politische Bedeutung" hätten. "Ich habe auf Deutsch gefragt, und er hat auf Englisch geantwortet, aber mit einem starken deutschen Akzent", erinnert sich Heidemann. "Als ich ihn mit ,Herr Traven ansprach, protestierte er nicht." Da ihm Heidemann und Anton als Wissenschaftler vorgestellt worden waren, ahnte der Schriftsteller nicht, mit wem er an jenem Nachmittag wirklich gesprochen hatte. Das erfuhr er voller Entsetzen erst, als der "Stern" im Mai 1967 Heidemanns Sensationsreportage "Wer ist der Mann, der Traven heißt?" druckte, die auch deshalb Furore machte, weil der Journalist darin erstmals erwähnte, dass Traven ein unehelicher Sohn Kaiser Wilhelms II. sein könnte. Heidemann behauptete, Rosa Elena Lujan selbst habe diese abenteuerlichste aller Legenden ins Spiel gebracht, als sie zu ihm sagte: "Sein Vater war der deutsche Kaiser. Wussten Sie das denn nicht?" Der schillerndste aller deutschen Reporter blickt seinen Gast an. "Ich habe damals ein Gutachten bestellt, wonach er jedenfalls kein Sohn Wilhelms sein kann. Weiter bin ich nicht gekommen."
Was ist Wahrheit, was Finte und Bluff? Als schließlich niemand mehr damit rechnete, kamen immer neue Tatsachen ans Licht. 1985 enthüllte die BBC, dass Ret Marut 1923 in London als passloser Ausländer festgenommen und nach zwei Monaten Haft wieder freigelassen worden war; das FBI und der englische Geheimdienst "Special Branch" hatten damals Akten über ihn angelegt. Anschließend war er als Kohlenschipper wie sein Alter Ego Gales im "Totenschiff" auf unbekannten Wegen nach Mexiko gelangt, wo er spätestens im Juli 1924 erste Spuren hinterließ. Spuren, die der Harvard-Professor Karl Guthke 1987 in seiner "Biographie eines Rätsels" erstmals zu einem großen Bild zusammenpuzzeln konnte: der Tramp in Tampico, der "Reiseforscher" in Chiapas, der Eremit von Acapulco. Guthke fand auch den einen oder anderen Korridor hinab ins Dunkel der Anfänge, in die Bühnenexistenz des jungen Schauspielers in Deutschland. Noch weiter hinab führen jene Akten, Briefe und Gedichte, die die Riverside University in Kalifornien 1993 für 180 000 Dollar auf einer Auktion erwarb, darunter ein naiver Prosatext von 1901 mit dem Titel "Im Walde"; die bislang früheste Nachricht aus der Zeit, als Traven noch Marut und etwa zwanzig Jahre alt war.
Die Riverside-Papiere spielten auch die Hauptrolle beim letztjährigen Treffen der "Travenologen", einem kleinen, verschworenen Kreis von Germanistikprofessoren, Lateinamerikanisten und Hobbyforschern, denen das Rätsel Traven noch immer im Kopf herumgeht. In Stockholms moderner Universität hörten sie erstmals Einzelheiten über den geheimnisumwitterten Abenteuerroman "Die Fackel des Fürsten", den Ret Marut um 1912 verschiedenen Verlegern zum Abdruck anbot und der offenbar auf eigene Erlebnisse und Recherchen des Autors in Indochina zurückgeht. Sie erfuhren auch von bislang unbekannten sentimental-kitschigen Kriegsnovellen des jungen Mannes, der sich eigentlich zur Opposition gegen den Wilhelminismus berufen fühlte.
Für einen unerwarteten Höhepunkt sorgte Travens Stieftochter Malú Montes de Oca aus Mexiko. Zu Beginn des Kongresses schenkte sie jedem Teilnehmer eine Audiokassette mit Sprachaufnahmen Travens aus den 60er-Jahren; die ersten Tondokumente des Autors, die jemals aufgetaucht sind, kostbare 15 Minuten im Original. Auf dem Band spricht der alte Mann zunächst englisch und spanisch mit Rosa Elena Lujan und ihrer Tochter Malú über das Wetter, Ausflüge und glückliche Erinnerungen; und er schwärmt von einem "guten kühlen Bier im Garten". Dann singt er ein lateinisches und schließlich die deutschen Lieder: "O du alte Burschenherrlichkeit" und "Ja, Sumatra, Java und Borneo". Zwei Lieder, drei Minuten lang, die bislang nicht für möglich gehaltene Rückschlüsse auf B. Travens wahre Heimat erlauben.
Die "Berliner Zeitung" beauftragte den Marburger Sprachwissenschaftler Hermann Künzel, der früher Sprachanalysen für das Bundeskriminalamt anfertigte, mit einem Gutachten über die Dialektfärbung der Sprachproben. Der Experte kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass der Mann, der sich Traven nannte, Westniederdeutsch bzw. Nordniedersächsisch sprach. Denn er rollt in charakteristischer Weise das "R", s-tolpert über den s-pitzen S-tein und spricht das "O" zuweilen als "Ou" aus wie man es so nur im Raum zwischen Hamburg und Lübeck tut. Künzel schreibt: "Es ist daher anzunehmen, dass der Sprecher B. Traven in diesem Gebiet seine Sprachprägephase verbracht hat." Mit anderen Worten: Der "große Unbekannte" wuchs im Land zwischen Nord- und Ostsee auf, nah bei Skandinavien, wo man Namen wie "Torsvan" trägt.
Für die Traven-Forschung ist Künzels Befund ein sensationeller Durchbruch. Er schließt aus, das B. Traven als Sohn eines Ziegelbrenners in Schlesien groß wurde oder gar ein Matrose war, der aus Mecklenburg stammte. Das Gutachten lenkt den Blick zugleich zurück auf eine Fährte, die Gerd Heidemann schon in den 60er-Jahren verfolgte. Diese Spur führt nach Lübeck, genauer: zu dem dreißig Kilometer westlich der Hansestadt gelegenen Dorf Traventhal und dem nicht weit davon entfernten einstigen Rittergut Marutendorf an der Trave. In Traventhal lebten Mitglieder der altadeligen Familie von Warnstedt, auf deren Fährte der Biograf Guthke durch Dokumente im Nachlass Travens stieß und die er als mögliche Familie der Mutter des Wahlmexikaners identifizierte. Die Spur führt mysteriöserweise auch wieder zurück zu den Hohenzollern. "Marutendorf gehörte damals dem Adjutanten des Kaisers", sagt Gerd Heidemann. "Im Krieg sind dort leider alle Dokumente verloren gegangen."
Heidemann erinnert an jenes Bild einer Brücke über die Trave, das der Geheimnisvolle angeblich an die Wand seines Arbeitszimmers in der Calle Mississippi gehängt hatte, wie es Rosa Elena Lujan mehr als einmal bezeugte. Eine Erinnerung an ein fernes Land und eine ferne Zeit. "Diese Brücke habe ich gesucht, aber nie gefunden", sagt der Hamburger Reporter und zeigt Fotos von dem Flüsschen, dem Traven einst seinen Namen entlieh. "Vielleicht ist sie der Schlüssel zu seinem Geheimnis." Und dann zitiert Gerd Heidemann aus dem Kopf ein Gedicht des jungen Ret Marut, das er bei seinen Recherchen einst entdeckte. "Ich stand am Strand der Ostsee/ und meine Augen schweiften über das weite Meer/ es sangen, leise rauschend/ die lockenden Wellen ein unbekanntes, doch trautes Lied..."
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