Es war Ende Oktober als sie nach einigen Jahren Abwesenheit in ihre Heimat zurückkam, um Verwandte zu besuchen. Dort, woher sie kam, überstieg die Temperatur schon lange nicht mehr acht Grad. Aber hier war es tagsüber noch 25 Grad warm, die Sonne schien, die Menschen trugen Sommerkleidung, man konnte sich noch sonnen und in den Seen baden. Die Bazare voller Wassermelonen, Pfirsichen und Granatäpfel, Zitronen und Dattelpflaumen machten einen festlichen Eindruck. Und die Stadt, ihr so lieb und bekannt bis in die kleinsten Details, mit ihren staubigen, grünen Straßen und sonnengebräunten, lebhaften Menschen, berührte ihr Herz zu Tränen.

Seit ihrer Abreise zum Studium vor einigen Jahren war hier der Bürgerkrieg ausgebrochen. Weltpresse und Fernsehen informierten, dass die Stadt vielfach bombadiert worden sei, dass Tausende unschuldiger Menschen umgekommen seien in diesem grausamen Massaker, das immer noch nicht ganz beendet war trotz des unterzeichneten Friedensvertrages, und das mal hier, mal dort blutige Zusammenstöße aufloderten, die immer neue Opfer forderten.

Auf ihrem Spaziergang durch die Stadt versuchte sie Spuren des Kriegs zu finden: Sie fixierte die Gebäude und Gesichter der Menschen, beobachtete aufmerksam die Bürgersteige und Fahrbahnen, suchte Hinterlassenschaften von Sorglosigkeit und Vernachlässigung, von Rückschritt und Traurigkeit.

Aber entweder die Unfähigkeit, dieses Leben quasi von der Seite zu betrachten oder übermäßige Konzentration auf die eigenen Gefühle oder die grenzenlose Freude über die Begegnung mit der geliebten Stadt - etwas hinderte sie Schreckliches zu sehen, das worüber sie viel in den Zeitungen gelesen hatte und das sie schon seit einigen Jahren in nächtlichen Alpträumen sah.

Bei ihrer Ankunft hatte sie erfahren, dass seit Kriegsbeginn warmes Wasser aus den Wohnungen verschwunden war und dass die Städter die drei letzten Winter in ungeheizten Häusern verbracht hatten, dass oft Gas und Strom zum Kochen fehlt, dass es in den Geschäften an Brot mangelt und die Straßen voller Bettler sind. Aber jetzt sah sie die fröhlichen Gesichter der Passanten, menschenvolle, lebhafte Straßen, vollgestopfte öffentliche Verkehrsmittel. Keinerlei Hoffnungslosigkeit, keine Traurigkeit! Kein Schießen, keine Bomben.

Der Anteil der Dörfler auf den Straßen hatte fühlbar zugenommen: es waren Flüchtlinge vom Land; gleich viel konnte man Ausländer sehen: Türken, Afghanen, Iraner. Viele kleine Verkaufsbuden und Läden waren aufgetaucht, die alles Mögliche anboten: Seife und Kosmetika, Videokassetten und Kleidung, Wodka und ausländisches Bier. Oft wurde sie von unbekannten Männern angesprochen, die anboten zum günstigen Kurs Dollar oder russisches Geld gegen die lokale Währung zu tauschen. Besonders auf den zentralen Boulevards und im Bahnhofsviertel gab es Schwärme dieser besonderen Art Makler. Man hatte den Eindruck, es sei ein Festtag: die Menschen gingen ziellos in die Stadt, stießen auf den Straßen aneinander.

[... Sie besucht ihre ehemalige Schule, aber die Lehrer ihrer Jugendjahre sind alle pensioniert oder ausgewandert. Mutter und Onkel Alischer leben noch. ...]

Sie versuchte von den Verwandten und Bekannten zu erfahren, wie alles anfing, was hier wirklich geschah während der letzten Jahre. [...]. Aber seltsam - niemand erzählte etwas Konkretes, sie hörte nur: "Es war schrecklich, besser nicht daran denken". Und sogleich wechselte man das Thema. [...].

Schließlich hörte sie auf zu fragen. [...].

Dann, eines Tages, kurz vor ihrer Abreise, als Onkel Alischer ziemlich betrunken am Esstisch saß, fing er plötzlich mit leiser Stimme zu erzählen an:

"Na gut, du fragst, wie wir das alles durchlebt haben ... Erinnerst du dich an meinen Assistenten Boris - den aus dem Hochland? Nu ja, seine Tochter, übrigens eine außergewöhnliche Schöne, hat mit Freundinnen - alles sechszehnjährige Mädchen aus dem Pamir - im letzten Jahr, zu Anfang des Sommers, eingekauft auf dem Bazar von Jakatschinar [Stadtviertel von Duschanbe], gerade gereifte Äpfel. Du weiß ja - dort gibt es jede Menge Obstgärten. Sie hatten keinen Beutel und trugen schwatzend und lachend die Äpfel in den Händen, nein, vor der Brust auf den darunter gekreuzten Armen. Sie kamen, dieses fröhliche Grüppchen, an eine Kreuzung - na, du weißt, da wo Freiheits- und Wahrheitsboulevard aufeinanderstoßen, ist eine große Verkehrsinsel für Fußgänger. Und in dem Moment, als sie anfingen die Straße zu überqueren, fuhr ein Kleinbus mit hoher Geschwindigkeit in die Kreuzung und bremste plötzlich, einige militärisch gekleidete Männer mit Maschinenpistolen sprangen heraus, Gewehrsalven bellten ... Viel haben sie nicht gebraucht: Kleine schlanke Mädchen, noch Kinder ... Sie fielen sofort leblos um, wie gemäht. Nur die gerade gekauften Äpfel ergossen sich aus ihren kalt werdenden Händen und rollten den ganzen Weg entlang. Klar, dass jemand schon seit langem die Mädchen beobachtet und zum Tode verurteilt hatte: schließlich stammten sie aus dem Pamir-Hochgebirge, wo einige Aktivisten der Opposition herkommen ... [...].

Der Onkel verstummte, wollte noch etwas hinzufügen, aber seine Stimme erstarb. Onkel Alischer war ein gestählter Mann, einer der die stalinistischen Konzentrationslager überlebt hatte. Ihn weich zu machen war nicht leicht. Aber jetzt weinte er.

Bald endeten die Ferien und sie fuhr in das Land zurück, wo kein Krieg war. Oft, wenn sie nun an ihre Heimat dachte, erschien vor ihren Augen immer das gleiche Bild: Erschossene junge Mädchen in verzierten Pamir-Kleidern stürzen auf die Straße, während die gerade gekauften Äpfel die Fahrbahn entlang rollen.

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Lena Karpunina, Mortpafitaj Pomoj, in: La Bato [Der Schlag], Erzählungen, 2. Aufl. Moskau: Impeto 2006, S. 113-118; in Auszügen aus dem Esperanto übersetzt. Kürzungen sind durch "[...]" gekennzeichnet.