Heute beginnt in Bremen der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag. Er stößt in meinem Bekanntenkreis auf breite Ablehnung. "Lass diese Gottestrottel bitte schnell wieder verschwinden!!!" war eine der deutlich harmloseren Aussagen. Die anderen möchte ich nicht zitieren.
Ich schreibe an dieser Stelle darüber, weil ich mich ganz gegen den Trend und das soziale Umfeld trauen möchte, diesen Kirchentag öffentlich gut zu finden. Zur Begründung bzw. Rechtfertigung möchte ich erst etwas sagen zu Religion im allgemeinen, dann zum protestantischen Christentum im speziellen und schließlich zum Event des Kirchentags und dem Ort Bremen selber.
Vorab möchte ich allerdings sagen, daß ich klare Worte liebe. Nämlich solche, wie sie z.B. in dem Telepolis-Artikel Wer glaubt, spinnt! vorkommen. Dort heißt es "Wer glaubt, ist einfach dumm." und "Gott ist eine schlichte Behauptung.". Ferner steht zu lesen "Religion [...] ist eine Krankheit, eine [extern] neurologische Störung. Nichts anderes." und es wird Sigmund Freud zitiert, der angeblich bereits 1907 schrieb, daß "die Neurose als eine individuelle Religiosität, die Religion als eine universelle Zwangsneurose zu bezeichnen" sei. "Die Religion als Geisteskrankheit."
Klare Worte. Gut so. Etwas akademischer ausgedrückt ist Religion ein durch akkumulierte memetische Infektionen erzeugter Massenwahn. Das Memetische Lexikon erklärt den Begriff memetische Infektion so: "Erfolgreiche Kodierung eines Memes im Gedächtnis einer Person. Eine memetische Infektion kann entweder aktiv oder inaktiv sein. Bei einer inaktiven Infektion ist das Opfer nicht motiviert, das Mem an andere Personen weiterzugeben. Bei einer aktiven Infektion ist das Opfer motiviert, weitere Personen zu infizieren."
Die Definition von Mem ist dort wiederum wie folgt: "Ein ansteckendes Informationsmuster, welches sich vervielfältigt, indem es Menschen symbiotisch infiziert und ihr Verhalten ändert, so dass sie das Muster weiterverbreiten.", wobei einige Meme parasitär und nicht symbiotisch seien. Religion ist die Summe von aktiv infektiösen parasitären Ideen und Behauptungen mit der Konsequenz von pathologisch zwangsneurotischem Massenwahn. Die akkumulierte verhaltensändernde Geisteskrankheit Religiösität.
Genug zitiert. Warum finde ich den heute beginnenden Evangelischen Kirchentag in Bremen nun trotzdem gut? Wie gesagt möchte ich diesbezüglich erst etwas sagen zu Religion im allgemeinen, dann zum protestantischen Christentum im speziellen und schließlich zum Event des Kirchentags und dem Ort Bremen selber. Der rote Faden durch das Thema sind Werte. Werte wie Selbstbestimmung, Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit.
Selbstbestimmung sagt, daß kranke Menschen weder zwangsbehandelt noch gesellschaftlich isoliert werden dürfen. Also auch nicht religiös erkrankte. Meinungsfreiheit sagt, daß die Verbreitung einer sich memetisch ausbreitenden Krankheit nicht eingeschränkt werden kann, egal wie epidemisch oder destruktiv sie wirkt. Und Religionsfreiheit geht sogar noch darüber hinaus. Sie erlaubt den großen Erlöserreligionen etwas, was z.B. Scientology und anderen verboten ist: Nämlich öffentliche Volksverhetzung. Im Namen Gottes darf auch Homophobie und Antisemitismus verbreitet werden. Das ist Religionsfreiheit. Man muß durch Aufklärung gegenhalten, darf dabei aber die Religionsfreiheit der erkrankten Menschen nur dann einschränken, wenn sonst die Rechte Dritter konkret verletzt würden.
Kurzer Einschub: Zu diesem Thema Muss man Religiosität respektieren? -- Über Glaubensfragen und den Stolz einer säkularen Gesellschaft empfehle ich ganz dringend den wunderbaren Artikel von Jan Philipp Reemtsma, der mich sehr beeinflußt hat, als er im August 2005 in der LE MONDE diplomatique einer taz beilag.
Nun zum Kirchentag in Bremen: Warum finde ich den gut? Nun, u.a. weil es ein evangelischer ist. Die Werte, die unsere säkulare Gesellschaft heute ausmachen, haben historisch allesamt protestatisch-christlichen Ursprung. Und bei so einem Kirchentag geht es um eben diese Werte. Um gesellschaftliche Themen und nicht wirklich um einen Gott oder anderen religiösen Schwachsinn. Jeder wirklich gläubige Mensch betrachtet 95% der Kirchentagsbesucher zu recht als Heiden. Es ist ein Happening. Mehr nicht.
Evangelische Menschen sind zudem perfekt integriert in die Gesellschaft. Sowohl kirchliche als auch nicht-kirchliche Veranstaltungen und Einrichtungen vermischen wunderbar die Gläubigen mit den Ungläubigen. Jeder kann hin- und herwechseln oder als "Agnostiker" zweifelnd dazwischen schweben. Das ist doch wunderbar!
Außerdem ist Bremen der perfekte Ort, um Randerscheinungen wie die Missionierungsversuche Einzelner folgenlos wegzustecken. Nirgendwo sonst in Deutschland, haben es die kirchlichen Verbände z.B. so schwer, Einfluß auf Schulen zu nehmen. In Bremen, und nur in Bremen, ist z.B. Konfessionsunterricht verboten.
Kurzum: Liebe Kirchentagsbesucher: Willkommen in Bremen! Wir sind gerne Gastgeber!
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